Am letzten Wochenende ist eine kleine Sensation geschehen. Deutschland hat nach 28 Jahren zum zweiten mal den Grand Prix (Eurovision Song Contest) gewonnen. Als eingefleischten Gran Prix-Fan mag man mich fragen, wie ich all diese hoffnungslosen Jahre nur überstanden habe. Dazu kann ich nur sagen, dass das sehr gut ging. Ich schaue diese Veranstaltung nämlich mit der gleichen entspannten Einstellung an, die die diesjährigen Gastgeber Norwegen so wunderbar unter Beweis gestellt haben, als sie mehrfach betonten, dass sie ja mit 10 letzten Plätzen den Rekord der ”erfolgreichsten Verlierer” halten.

Natürlich bin auch ich Deutscher und froh, wenn wir uns nicht komplett blamiert auf dem letzten Platz wieder finden. Allerdings erfüllt es mich nicht mit Verbitterung, wenn Europa unseren Beitrag durchfallen lässt. Bei den meisten deutschen Beiträgen der letzten Jahre wäre ich als Europäer im Falle eines Sieges peinlich berührt gewesen.

So richten sich meine persönlichen Präferenzen beim ESC weniger nach nationalen als geschmacklichen Grenzen aus. Ich drücke zuallererst mal für die die Daumen, deren Beiträgen mich am meisten überzeugt haben. Nachdem Estland im ersten Semifinale ausgeschieden ist und Hera Björk dort einen wirklich guten Auftritt hingelegt hat, war mein Favorit für das Finale Island.

Während die furchtbaren Beiträge aus Dänemark und Weissrussland meine heissesten Kandidaten für den letzten Platz waren. Leider habe ich sowohl bei Island als auch bei Dänemark falsch gelegen. Was für das zu gute Abschneiden von Dänemark verantwortlich ist, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Die Isländerin wiederum war im Finale nicht so gut wie im Semifinale. Allerdings hätte ich ihr trotzdem einen besseren Platz gewünscht.

Lena Meyer-Landrut hingegen hat es geschafft, im entscheidenden Moment so gut zu sein wie selten zuvor. Sie hat ohne grossen Bühnenzauber ihr Lied ganz souverän rübergebracht und jeden Punkt verdient, den sie bekommen hat. Das war ein grandioser Sieg, über den ich mich sehr freue.

Ich freue mich auch über die gute Stimmung, die sich dadurch durch das ganze Land gezogen hat. Ich freue mich sogar über die Leute, die hupend durch die Städte gefahren sind. Vor allem, weil hier deutlich mehr Leichtigkeit zu spüren war als bei den vergleichbaren Siegesfeierlichkeiten während der grossen Fußballturniere. Das ist irgendwie weniger nationalistisch und aggressiv. Auch wenn einige Idiot ihren geistigen Dünnschiss nicht im Kopf behalten können, wenn Israel seine Punkte verteilt, wie es will.

Ich hoffe, gerade auch für Lena selbst, dass die Freude über ihren Sieg jetzt nicht in eine typisch deutsche Verbissenheit umschlägt. Ein wenig deutet die sich schon an. Stefan Raab hat auf der Siegesfeier in Hannover gesagt, dass es jetzt darum gehen muss, den Titel zu verteidigen und Lena deshalb noch einmal antreten sollte. Mal ganz abgesehen davon, dass die Siegerin vom Vorjahr als Gastgeberin den Pokal an ihre/n NachfolgerIn übergeben sollte gewinnt niemals die Kopie des erfolgreichen Acts vom Vorjahr. Wenn Lena 2011 noch mal als Kopie ihrer selbst verheizt wird, kann ihr das nur schaden.

Sie soll jetzt erst mal weiter Musik und aus ihrem Sieg das beste machen. Eine Rückkehr zum Grand Prix ist auch noch später möglich. Aber bitte nicht 2011.

Für Deutschland muss es 2011 vornehmlich nicht um Titelverteidigung gehen. Es geht darum, ein ebenso guter Gastgeber zu werden wie Norwegen. Die haben wirklich eine sehr gute Show hingelegt und deutlich gemacht, dass es beim Grand Prix nicht um einen nationalistischen Wettstreit geht. Er ist die Feier des europäischen Gedankens. Diese Feier findet in einem Jahr auf deutschem Boden statt. Werden wir unserer Verantwortung gerecht und machen das beste draus!